Sterbende benötigen "auch" liebevollen Körperkontakt

„Ich hatte einen sehr intensiven Traum, der mir beim Aufwachen ein überaus wohliges Körpergefühl gab. Hier nun mein Traum:

Ich lag schon seit drei Wochen im Krankenhaus, bekam aber keinen Besuch. Eines Tages standen eine Ärztin und ein Arzt an meinem Bett. Sie sprachen über mich und machten keinen Hehl daraus, dass ich sterbe. Ich fühlte ihre Kälte und Gleichgültigkeit. Beide arbeiteten rein „mechanisch“, nicht aber an mir persönlich interessiert. Sie taten ihre Arbeit und das war es. Doch dieses Mal stand auch ein Pfleger mit dabei. Er machte die beiden Ärzte darauf aufmerksam, dass ich ganz dringend Körperkontakt benötigte. Darauf reagierten beide Ärzte belanglos. Die Ärztin sagte nur: „Die stirbt eh.“ Doch der Pfleger kümmerte sich um mich, indem er seine Meinung deutlich vertrat und den Ärzten versuchte zu erklären, dass Sterbende ganz zwingend Körperkontakt brauchen und auch wahrnehmen. Er wies sie darauf hin, dass ich seit meiner Anwesenheit noch nicht einmal einen solchen Kontakt hatte, sondern jeder immer nur an meinem Bett stand, aber keiner auf die Idee kam, mich auch mal zu berühren oder zu streicheln und mit mir zu sprechen. Den Ärzten war sein Anliegen völlig fremd und unangenehm. Sie verließen mein Zimmer, ohne ihm oder mir irgendeine Aufmerksamkeit zu schenken. Der Pfleger trat an mein Bett, sprach mich mit meinem Namen an, streichelte mir abwechselnd über meine Arme, Hände, Schultern und versprach wiederholt, sich um mich kümmern zu werden.

In meinem Traum sah ich, wie dieser Pfleger sogar den Stations- und Chefarzt auf mich und meinen Zustand aufmerksam machte. Er argumentierte lange, um all den Ärzten deutlich zu machen, wie dringend ich den Körperkontakt brauchte. Er erklärte ihnen auch, welche physischen, psychischen und gesundheitlichen Auswirkungen ein regelmäßiger, liebevoller Körperkontakt hat und auch die verbale Ansprache ganz wichtig sei, auch wenn ich selber mit geschlossenen Augen im Bett lag und äußerlich erkennbar nicht mehr reagieren konnte. Aber ich fühlte dennoch etwas, konnte es nur nicht mehr äußern. Und er war sogar davon überzeugt, dass ich überleben könnte, wenn man sich nur genügend um mich körperlich und seelisch kümmern würde. Selbiges habe er in seiner Ausbildung gelernt und sich auch privat mit dieser Thematik schon lange beschäftigt. Doch er sprach gegen Wände. Keiner der Ärzte, die er ansprach, nahmen ihn ernst.   

Immer dann, wenn er in mein Zimmer kam, nahm er sich, ungeachtet seiner erlebten Ablehnungen, Zeit für mich, sprach mit mir, machte mir Mut und streichelte meinen Körper wie oben beschrieben. Er erweiterte seine Streichungen auf die Unterbeine und Füße. Jedes Mal fühlte ich ein unsagbares Wohlgefühl, konnte jedoch nicht mehr reagieren. Er spürte aber, wie sehr mir seine Zuwendungen gut taten, sodass er sogar auch nach seinem Dienstschluss mich täglich für eine längere Zeit „versorgte“. Für mich war das jedes Mal ein Hochgefühl.

Ich wusste nicht, ob es Tage oder Wochen später war, bis dann der Chefarzt, an meinem Bett stehend, ihm erlaubte, sich in der letzte halbe Stunde seines jeweiligen Dienstes um mich kümmern zu dürfen. So wirklich überzeugt war er zwar immer noch nicht, aber er hatte inzwischen an meinen körperlichen Werten bemerkt, dass diese langsam besser wurden. Da er sich das medizinisch nicht erklären konnte, gab er dem Pfleger freie Hand.

Dieser wunderbare Pfleger hielt es zudem weiterhin bei, sich auch immer wieder wenigstens eine kurze Zeit um mich zu befassen, wenn er in mein Zimmer musste. Ich selbst war überaus glücklich darüber und dachte immer nur: „Mein Gott, was für einen Engel ich auf meinem letzten Weg noch erleben darf.“

Der Pfleger sprach mit mir auch über seine zeitlichen Grenzen, die ihm gesetzt wurden und wie sehr er es ablehnte, dass die Allgemeinmedizin so wenig Ahnung von Menschen hat, die selber nicht mehr reagieren können. Er versprach mir, für uns beide ein sehr leckeres Essen zu kochen, wenn ich das Krankenhaus wieder auf eigenen Beinen verlassen konnte. Wir beide verbrachten viel Zeit miteinander und ich erfuhr dabei auch viel von ihm persönlich, seinem Alltag, seiner Familie, seinen Freunden, Hobbys, bisherigen Urlauben und seinem bisherigen Leben.

Eines Tages muss ich wohl etwas gelächelt haben, was mir selbst aber gar nicht bewusst war, er es aber sah. Er war ganz aufgeregt, umarmte mich und sprach mir - wie schon so oft - Mut zu. Seine Beobachtung teilte er aufgeregt den Ärzten mit, die ihm mal wieder eine Art Verrücktheit zusprachen. Nur der Chefarzt hielt sich mit diesem abwertenden Urteilen zurück. Er kam mit dem Pfleger an mein Bett und blieb, während der Pfleger liebevolle Streichungen bei mir vornahm und erzählte, was er heute alles gemacht hatte. Und wieder lächelte ich. Der Chefarzt war völlig erstaunt, sprach mich mit meinem Namen an, teilte mir mit, wer er ist und was er gerade eben an mir beobachtet hatte. Ich reagierte nicht.  Der Pfleger sagte seinem Chef, nur er habe derzeit den Kontakt zu mir, versprach ihm aber, dass sich diese Kontaktaufnahme erweitern kann. Der Chefarzt ließ ihn ohne Widerspruch mit seiner warmherzigen Behandlung fortfahren, blieb weiterhin im Raum und war erstaunt, wirklich kleinste Regungen zu erleben, die er zuvor nie gesehen hatte. Der Pfleger teilte mir mit, dass der Chefarzt völlig verblüfft ist, weiterhin bei mir am Bett sitzt und nicht verstehen kann, was hier gerade passierte. Das freute mich sehr. Es tat mir nur für den Pfleger sehr leid, ihm über meine Gefühle keine Information geben zu können, sodass auch der Chefarzt endgültig überzeugt sein würde.

Tags darauf kam der Pfleger an mein Bett, erzählte mir ganz verwundert und überaus erfreut, dass er nun endlich Gehör gefunden hatte und dankte mir, ihn in seiner Theorie unterstütz zu haben. Ich war sehr erleichtert über seine Worte und genoss seine Körperstreichungen in vollen Zügen. Ich ging in diesen völlig auf und war zudem auch überglücklich darüber, dass auf dieser Station und in diesem Krankenhaus in Zukunft die Sterbenden einen schöneren, liebevolleren letzten Weg haben werden.

Ob ich wirklich starb, das beinhaltete mein Traum nicht mehr. Aber als ich aufwachte, war ich völlig ruhig, hatte ein wunderbares Körpergefühl und lächelte. Es war so schön, dass ich wieder einschlafen und diesen Traum weiterträumen wollte, aber das ging leider nicht.

 

Mir selbst war nun klar, dass wir alle, wenn wir Menschen in ihren Tod begleiten, sie anfassen, streicheln und mit ihnen sprechen müssen, auch wenn wir keinerlei Reaktionen mehr von der Person bekommen, die da im Bett liegt. Und es ist völlig egal, wovon wir erzählen; Hauptsache, wir reden!

Ich bin davon überzeugt: Sterbende fühlen die liebevolle Zuneigung, die lieb gemeinten Worte und spüren die sanften Berührungen und körperlichen Streichungen an Stirn, Wangen, Armen, Beinen, Füßen, ... Damit sollten wir nie aufhören. Wir sollten den Sterbenden zudem allumfassend in seinem Sein (verzeihend) annehmen, ihn bis in seinen Tod hinein lieben, barmherzig sein und auch selber mal über unsere eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler nachdenken. Wie heißt es so zutreffend: Urteile nicht über einen anderen, du kennst noch nicht deine Zukunft.“

In liebevollen Gedanken